Estland

Die Deutschen - Von Prägekraft und Machtverlust

Auf vielen estnischen Monumenten und Gräbern finden sich seit Jahrhunderten Namen, deren Abstammung aus dem Deutschen unschwer zu erkennen ist. Auch schmückt deutsches Wortgut vielerorts die Torbögen von Landhäusern, Schulen und vergleichbaren Einrichtungen. Es handelt sich unverkennbar um die Insignien einer langen deutsch-estnischen Vergangenheit. Doch worauf fußen diese Verbindungen?

 

Baron Carl Magnus von der Pahlen im Portrait des Engländers George Dawe.

Basierend auf der Herrschaft des Ritterordens etablierte sich in Estland über das späte Mittelalter und Phasen der Neuzeit hinweg eine privilegierte Volksgruppe mit deutscher Abstammung. Tätig als Großgrundbesitzer, Kaufleute oder Handwerker bildeten sie zusammen das, was auch heute noch "baltendeutsch" bezeichnet wird.

 

Traditionell tonangebend in Politik, Handel und Kultur, begann ihr Machtverlust erst mit der voranschreitenden Industrialisierung des auslaufenden 19. Jahrhunderts. Estland entdeckte nun sein nationales Ich. Gleichzeitig veränderte sich die Struktur der Bevölkerung immer deutlicher zu Ungunsten der deutschen Minorität.

 

1919 folgte Estlands erstmaliger Schritt in die Eigenständigkeit, und im Zuge der nun verabschiedeten Bodenreformen kam es zur flächendeckenden Enteignung deutscher Besitztümer.

 

Herrensitz Palms Palmse mõis
Herrensitz Palms (Palmse mõis). Ehemaliger Hauptsitz der Familie von der Pahlen.

Einfluss und Anzahl der Deutsch-Balten schmolzen in der Folgezeit konsequent dahin, bis 1939 unter der nationalsozialistischen Parole "Heim ins Reich!" auch die letzten das Land verließen. Viele unter ihnen sahen die Rückkehr in das aufbegehrende Dritte Reich als wirtschaftliche Überlebenschance – der sprichwörtliche Schritt vom Regen in die Traufe.

 

Was bleibt, ist eine Reihe von deutschsprachigen Verwurzelungen ins Estnische sowie das Wissen um die Gemeinsamkeiten im geschichtlichen Verlauf. Man hat inzwischen gelernt, mehr aufeinander zuzugehen, und so dürfen sich die knapp 3.500 verbliebenen Deutschen heute als vorbehaltlos akzeptierte Mitglieder einer estnischen Volksminderheit fühlen.

 

 

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