Estland

Die estnische Wirtschaft – Den Wind im Rücken

Wenn man die zurückliegenden Jahrzehnte chronologisch Revue passieren lässt, gleicht die wirtschaftliche Entwicklung Estlands einem Drama in mehreren Akten – mit scheinbar offenem Ende.

Bank von Estland
Die Bank von Estland.

Eingliederung in das Gefüge der Sowjetunion: Aufgrund der massiven wirtschaftspolitischen Bevormundung durch den Kreml stand in Estland fast die komplette zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts im Zeichen planwirtschaftlicher Ineffizienz und industriell verursachter Umweltbelastungen.

Estlands Wirtschaft diente dem riesigen Sowjetimperium zeit seines Bestehens als Lieferant von Textilien, Lebensmitteln und Elektrotechnik. – Alles galt ausschließlich dem großen Ganzen. Bestrebungen zu einer autarken Wirtschaftsstruktur wurden von russischer Seite strikt unterbunden.

 

Der Grund: In Moskau bevorzugte man es, die wirtschaftliche Abhängigkeit der untergebenen Teilrepubliken möglichst hoch zu halten. Dies half, separatistische Strömungen gar nicht erst aufkommen zu lassen. Bilanzierend lässt sich daher festhalten, dass es in Estland im Verlauf dieser Phase zur Entstehung eines insgesamt wenig zukunftsträchtigen Wirtschaftsgefüges kam.

 

Estnische Krone Kroon
Die Estnische Krone (Kroon).

Politischer und wirtschaftlicher Umbruch: Durch den politischen Umbruch und die daran geknüpfte Unabhängigkeitserklärung begann in Estland am 20. August 1991 die Phase wirtschaftlicher Autonomie – ein Schritt, der für das Land gerade zu Beginn von vielen negativen Begleiterscheinungen geprägt war.

 

Strukturdefizite, wegbrechende Kooperationen mit den ehemaligen Partnerstaaten und eklatante Qualitätsmängel sollen die lange Liste der ökonomischen Startbarrieren lediglich andeuten. Um es kurz zu machen: Das Land war sprichwörtlich hart in der postsowjetischen Realität gelandet, ohne jedoch Schiffbruch zu erleiden.

 

Aufbruchstimmung und wirtschaftlicher Aufschwung: Die nachfolgende Phase der Hoffnung und des Aufschwungs hat ihren Ursprung genau genommen am 20. Juni 1992 – dem Tag als die Krone (kroon) zur estnischen Staatswährung erhoben wurde. Ausgestattet mit enormer Symbolkraft, folgten der Währungsreform die Rückführung ausgelagerter Goldreserven und Devisen sowie eine konsequente Privatisierung ehemaliger Staatsbetriebe. Der Grundstein in eine bessere Zukunft war damit gelegt.

 

Der Erfolg kam rasch, jedoch nicht nachhaltig. 2005 und 2006 verfügte Estland über ein Wirtschaftswachstum, von dem man in weiten Teilen Westeuropas nur noch träumen konnte. In beiden Jahren lag das Bruttoinlandsprodukt im zweistelligen Bereich (2005: +10,2%; 2006: +11,2%). Es gab und gibt enge ökonomische Kooperationen mit regionalen Nachbarn wie Finnland und Schweden, aber auch zu Deutschland und Russland (v. a. Import fossiler Brennstoffe) hat man einen guten wirtschaftlichen Draht entwickelt.

Einbruch in der Wirtschaftskrise: Den hohen Zuwachsraten folgte eine kurze, aber schmerzhafte Phase des Einbruchs. Nicht weniger als die komplette Weltwirtschaft stand ab 2008 im Zuge der US-Immobilienkrise und dem damit verbundenen Zusammenbruch namhafter Finanzinstitute auf dem Spiel. Auch für Estland wurde es eng, um rund 14,5% brach die Wirtschaft 2009 ein. Doch schon 2010 setzte am estnischen Markt eine spürbare Erholung ein, für 2011 rechnet man bereits wieder mit einem ordentlichen Wachstum in Höhe von mehr als drei Prozent.

Produziert werden in erster Linie Textilien, Möbel, Lebensmittel und Maschinen, aber auch Landwirtschaft, Viehzucht und Schiffbau spielen dieser Tage eine große Rolle. Man ist damit geneigt zu sagen, Estland befinde sich trotz noch immer nicht ganz ausgeräumter Altlasten auf einem (sehr) guten ökonomischen Weg. Im scheinbar wichtigen Vergleich mit Lettland und Litauen, den beiden anderen baltischen Staaten, rangiert die estnische Wirtschaft derzeit jedenfalls an erster Stelle.

 

 

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