Estland

Die Kulturelle Vielfalt – Das Rückgrat der estnischen Identität

In Anlehnung an die große Anzahl estnischer Volkslieder, Dichtungen und Mythen passt es nur allzu gut, dass der Baltenstaat sein Streben nach nationaler Unabhängigkeit 1988 mit einer „Singenden Revolution“ erfolgreich einläutete.

 

Tanzfest Kalev-Stadion Tallinn
Tanzfest im Kalev-Stadion in Tallinn. Eine alte Tradition.

Zu dieser Zeit fanden sich in der Landeshauptstadt Tallinn zigtausende Esten zu einem traditionellen Sängerfest ein. Ziel war es, mit friedlichen Klängen gegen das Sowjetregime zu protestieren. Es war die öffentliche Zurschaustellung eines viel zu lange unterdrückten estnischen Nationalbewusstseins.

 

Vorausgegangen waren knapp acht Jahrhunderte nahezu ununterbrochener und im Grunde stetig wechselnder Fremdherrschaften. Dänen, Schweden, Deutsche, Polen und Russen hatten sich in der estnischen Geschichte als tonangebende Volksgruppen erwiesen.

 

Kulisse Wassermusikkonzerte Südestland
Kulisse für Wassermusik-Konzerte in Süd-Estland.

Doch aller Unterdrückung und Bevormundung zum Trotz: Es war nicht zuletzt der Pflege regionaler Mythen und Legenden zu verdanken, dass sich die estnische Volksseele zumindest im Halbverborgenen entwickeln und zu einer kraftvollen Bewegung reifen konnte. – Bis zu jenen Tagen des Jahres 1988.

 

Nun, da sich der Untergang des Sowjetimperiums deutlich abzeichnete, schienen auch die Esten endlich an der Reihe, Regie im eigenen Land zu führen. Der Umschwung glückte, und am 20. August 1991 folgte mit der Unabhängigkeitserklärung der erste Schritt in die politische Eigenständigkeit. Kulturelle Vielfalt und Traditionsbewusstsein Estlands werden daher heute als eigentlich treibende Kraft der Freiheitsbewegung angesehen.

 

Estland-Theater
Das Estland-Theater.

Erste Anzeichen eines gewachsenen estnischen Nationalbewusstseins offenbarten sich bereits im Verlauf des 19. Jahrhunderts, als es zu einer vom Volk getragenen Rückbesinnung auf die eigene Sprache und Kultur kam. In der Folgezeit taten sich auf kulturellem Gebiet eine ganze Reihe estnischer Persönlichkeiten hervor. Inhaltlichen Stoff jedenfalls gab es durch zahlreich überlieferte Sagen genug.

 

Den literarischen Anfang machte ein Arzt namens Friedrich Reinhold Kreutzwald (1803-1882), der ab 1857 damit begann, die unterschiedlichen Überlieferungen der zurückliegenden Jahrhunderte in einen gesamtestnischen Volksepos zu übertragen.

 

Jaanipäev
Jaanipäev - der Tag der Sommersonnenwende. In Estland ein Feiertag, so wichtig wie hierzulande Weihnachten.

Unter dem Titel „Kalevala“ entstand eine Sammlung aus insgesamt 20 Gesängen, welche die lange Unterdrückungsgeschichte Estlands durch den fast aussichtslosen Freiheitskampf des Königssohnes „Kalevipoeg“ beeindruckend widerspiegelt. Heute gilt das Werk als wesentlicher Vorreiter der eigenständigen estnischen Literatur.

 

Zu den teils international renommierten Schriftstellern der Folgezeit gehören z. B. der Lyriker Juhan Liv (1864-1913), der Dramatiker Eduard Vilde (1865-1933) oder der Erzähler Oskar Luts (1887-1953). Derzeit wohl bekanntester Autor des Landes ist Jaan Kross (1920-2007), der eine ganze Reihe transnational erfolgreicher Romane hervorgebracht hat.

 

Seine detailgenauen Schilderungen über die estnischen Lebensverhältnisse und die landschaftliche Vielfalt gelten als eine der bedeutsamsten literarischen Säulen der Gegenwart. Dementsprechend sind seine Werke in über 20 Sprachen erhältlich.

 

Weitere wesentliche Bestandteile der traditionellen und zeitgenössischen Künste sind die Malerei, das Theater und die Musik. Johann Köler (1826-1899), ehedem Professor an der Kunstakademie St. Petersburg, gilt heute als Vorreiter der estnischen Malerei.

 

Auf musikalischem Gebiet haben sich Namen wie Rudolf Tobias (1873-1918), Artur Kapp (1878-1952) oder auch Eduard Tubin (1905-1982) durchgesetzt – um nur einige zu nennen, die heute auch internationales Renommee genießen.

 

 

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