Estland

Herrenhäuser in Estland - Die Jahrhunderte in Stein gemeißelt

Estland ist geradezu übersät von historischen Gutshöfen, Herrenhäusern und schlossartigen Anwesen. Viele der herrschaftlichen Bauwerke sind von weitläufigen Parks umgeben, manche haben es auf der Liste der touristischen Höhepunkte in Estland auf Spitzenplätze geschafft. Leuchtende Beispiele sind Palmse, das wohl bekannteste Herrenhaus in Estland, aber auch Sagadi und Alatskivi haben es zu überregionaler Berühmtheit gebracht. Diese und einige andere werden zur Vertiefung der Thematik auf den folgenden Seiten im Detail vorgestellt.

Vihula Mõis - Herrenhaus-Ensemble
Landgut Vihula, unweit Sagadi. Heute "Vihula Mõis - Country Club & Spa Hotel"

Die Entstehung der ersten Herrenhäuser reicht in Estland auf das 13. und 14. Jahrhundert zurück. Der Deutsche Orden hatte gerade das Baltikum unterworfen, nun galt es, der neu gewonnenen Macht auch architektonisch Ausdruck zu verleihen. Zunächst wurden die Bauten in erster Linie aus Holz errichtet, später abgelöst durch festes Mauerwerk. Das für den Bau komplexer Anlagen notwendige Knowhow hatten die Ordensritter aus Mitteleuropa importiert, wirklich unbeschadet haben jedoch nur die wenigsten Gutshöfe die Jahrhunderte überstanden. Heute zeugen vielerorts lediglich Holz- und Mauerreste von ihrer Existenz.

 

Es gibt jedoch Ausnahmen, welche sich beim regionalen Publikum natürlich hoher Beliebtheit erfreuen. Ein wehrhafter Turmbau in Vao, gelegen im Nordosten des Landes, ist ein solches Beispiel. Die ehemalige Wohnburg ist komplett erhalten geblieben und dient seit ihrer Sanierung in den 1980er Jahren als Museum. Weit weniger mittelalterlich erscheint zunächst das Landgut Kalvi im Nordosten Estlands, wo interessierte Besucher auf einen prächtigen Steinbau treffen, den man wegen seiner großen Ähnlichkeit zu repräsentativen englischen Landhäusern wohl genauso gut als Schloss bezeichnen könnte.

 

Das 1913 errichtete Ensemble ist auch deshalb so besonders, weil es sich in unmittelbarer Nähe zu seinem Jahrhunderte alten Vorgänger, einem um 1480 erbauten und später fast komplett zerstörten Gutshof (genauer: Vasallenburg), befindet. Alte Ruine neben jungem Prachtbau - Anlagen wie diese sind in Estland ebenfalls keine Seltenheit und tragen heute umso mehr zur Veranschaulichung der unterschiedlichen Epochen bei.

 

Den eigentlichen Höhepunkt in der gutshöflichen Schaffensphase stellte hingegen das 18. Jahrhundert dar. Rund 400 von insgesamt 1.300 Herrenhäusern, die damals in Estland anzutreffen waren, reichen auf diese Periode zurück. Es ist damit kaum verwunderlich, dass das 18. Jahrhundert im Nachhinein als die Blütezeit der herrschaftlichen Landsitze bezeichnet wird. Leider hat es nur ein Bruchteil der Bauten geschafft, die Zeit bis heute zu überstehen. Kriegerische Verwüstung und Funktionsverlust hatten auf die Bauten zumeist ruinöse Auswirkungen.

Aktuell gelten etwa 400 estnische Gutshöfe als intakt bzw. erhalten, 200 davon so gut, dass sie unter Denkmalschutz gestellt wurden und somit vor dem Verfall bewahrt sind. Etwa 120 Mois (Estnisch für Herrenhaus) werden bis heute bewohnt und/oder touristisch genutzt. Viele der Anwesen fungieren als exklusive Unterkünfte für Angelurlauber, Wanderer und andere Naturfreunde. Weitere Gehöfte werden nach wie vor landwirtschaftlich genutzt und zeugen somit bis heute vom traditionellen Charakter ländlichen Lebens in Estland.


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