Estland

Schloss zu Alatskivi und die gleichnamige Gemeinde

Alatskivi loss - Das Schloss des ehemaligen Gutes von Alatskivi (dt.: Allatzkiwi/Allatzkiwwi) nimmt eine besondere Stellung im sog. Baltikum ein. Wenn man sich am Peipus-See aufhält, sollte man es nicht versäumen, es zu besuchen. Es gilt als das pittoreskeste neugotische Gebäude dieser Ostsee-Region. Der Herrensitz hat sein Vorbild in der königlichen Residenz Balmoral in Schottland, die für die englische Königin Victoria und ihren Ehegatten Prinz Albert bis 1856 grundlegend umgestaltet wurde.

 

Alatskivi Schloss
Schloss zu Alatskivi

Eigentümer und Landesherr von Alatskivi, Baron Arved Georg von Nolcken (1845-1909), war ein Bewunderer der englischen Lebensart. So bereiste er Mitte der 1870ger Jahre Großbritannien, und kehrte hernach voller schöner Erinnerungen und einigen Plänen für seinen neuen Herrensitz von der Reise zurück. Entsprechend den Plänen begann der Bau des neuen Schlosses 1876. Der Grundstein des Gebäudes wurde am 20. Mai 1880 gelegt. 1885 wurde der Bau vollendet.

 

Die Architektur erinnert an Maria Stuarts (1542-1567 Königin von Schottland) Ritterschloss, und das Interieur empfängt den Gast mit einer Fülle von Ideen und einem reichen Gemisch verschiedener Stile. Bereits zubeginn des Baus war das Schloss ein Anachronismus und das Werk eines Exzentrikers. Allein schon die Energieversorgung und das Heizsystem des Hauses entsprachen nicht dem Effizienzstandard seiner Zeit.

 

Innen Schloss
Im Inneren des Schlosses. Die Restaurierung befindet sich in ihrer Schlussphase.

Dennoch kann der Bau aus heutiger Sicht als Erfolg gewertet werden, denn das Projekt wurde mit letzter Konsequenz in vergleichsweise kurzer Zeit umgesetzt, und stellt heute für die Region ein kulturelles und touristisches Kleinod dar, mit jährlich mehreren Tausend Besuchern und sommerlichen Theateraufführungen, und bald auch Kunstausstellungen.

 

Zum Anwesen gehören einige feldsteinerne Nebengebäude, die sich derzeit zumeist im konservierten Leerstand befinden. Sie stehen im 120 Hektar großen Schlosspark, der sich an der Nordseite bis zum Alatskivi-See erstreckt.

 

Klavier Zimmer/Mittelsaal
Im Mittelsaal.

Die Familie des Barons von Nolcken verließ ihr Anwesen im Jahr 1906. Seitdem begann eine wechselvolle Geschichte für das Schloss, mit einer Vielzahl verschiedener Nutzer und Mieter. Das Gebäude beheimatete u.a. eine Kommandantur des Grenzschutzes, eine Schule, diente als Armeequartier, Bürogebäude der ortsansässigen Kolchose etc.

 

1993 wurde das Schloss für 50 Jahre an einen finnischen Geschäftsmann verpachtet, der dort ein Rehabilitationszentrum errichten wollte; seine Pläne schlugen jedoch fehl. Seit Dezember 1999 gehört das Schloss wieder der Gemeinde Alatskivi.

 

Schlosspark
Im weitläufigen Schlosspark.

Heute befindet es sich in der letzten Restaurationsphase - 2011 sollten die Arbeiten abgeschlossen sein. Dort werden ein Bildungszentrum, Kultur- und Freizeiteinrichtungen entstehen. Das Alatskivi Schloss wird ein Museum beherbergen, eine Konzerthalle, Ausstellungsräume und exklusive Gästeunterkünfte. Das Schlossrestaurant mit gehobener Küche ist bereits in Betrieb genommen worden. Eine Besichtigung des Schlosses ist ebenfalls seit einiger Zeit möglich.

 

Die Gemeinde Alatskivi im Landkreis Tartu umfasst ca. 30 Dörfer mit knapp über 1.500 Einwohnern. Der Hauptort selbst hat nicht ganz 500 Einwohner; er befindet sich 4 km des Dörfchens Nina entfernt, das direkt am Peipsi gelegen ist. In der Sommersaison schwillt die Einwohnerzahl in der Gemeinde auf etwa das Doppelte an. Wobei sich die meisten Besucher auf Pensionen und Campingplätze in den Örtchen in Seenähe verteilen.

 

Dort gehen sie typischerweise Freizeitbeschäftigungen nach, wie Schwimmen, Sonnenbaden, Motorboot- und Jetskifahren und Angeln. Diejenigen, die es nicht an einem Ort hält, unternehmen Ausflüge in die Dörfer der Altgläubigen oder sie gehen auf Radtouren und Wanderungen (entsprechende Touren sind ausgeschildert).

 

Restaurant Apollo Belvedere
Das Restaurant "Apollo Belvedere".

Ungeachtet der geringen Größe von Alatskivi hat der Ort gleich zwei kulinarisch hervorstechende Anlaufstellen für das abendliche Diner. Und wenn man das etwa 10 km entfernte Altgläubigendorf Kolkja, wo es ein hervorragendes Fischrestaurant gibt, hinzurechnet, so sind es derer drei.

 

Da ist zum einen das "Apollo Belvedere". Ein gemütlich eingerichtetes Restaurant, von einer in Alatskivi lebenden Finnin betrieben. Geschmackvolles antikes Interieur. Das Angebot auf der Karte ist übersichtlich, und das ist ein Qualitätsmerkmal. Empfehlenswert sind hier vor allem die Fleischspeisen. Und für die Nachspeise muss man unbedingt auf die herrlich luftige Kama-Creme zurückgreifen. Eine typische estnische Süßspeise, die in diesem Restaurant besonders gut gelingt. Wenn man etwas munieren wollte, so ist es die Unerfahrenheit der Kellnerinnen, die größtenteils aus jungen Schülerinnen der Oberstufe rekrutiert zu sein scheinen. Ihre Unerfahrenheit machen sie jedoch mit Freundlichkeit und jugendlichem Charme wieder wett.

 

Desweiteren lässt es sich in dem etwas exklusiveren "Alatskivi Lossi Restoran" gut speisen. Wie der Name bereits verrät, befindet sich das Restaurant in den Räumlichkeiten des Schlosses. Wenn man dort in Krawatte und Anzug zum Abendessen erscheint, ist man keineswegs "overdressed", diese Kleidung trüge lediglich dem gehobenem Interieur Rechnung. Allerdings ist legeres Auftreten dort durchaus üblich, - was auch gut so ist, denn nur selten kommt ein Anzug mit auf die Urlaubsreise.

 

Das besondere an diesem Restaurant ist die regionale Dreiteilung seiner Speisen. Da gibt es einmal die Estnische Küche, die Herrengutsküche und die Schottische Küche. Die Gerichte sind auf der Speisekarte jeweils entsprechend gekennzeichnet. Insgesamt ein Restaurant, in dem man dem Chefkoch bei allen Speisen vertrauen kann. Eine weitere Besonderheit ist, dass die Bedienung ausschließlich aus jungen Männern besteht, die ihre zumeist schmalen Knie entblößt haben. Das machen sie nicht mit Absicht, es liegt daran, dass die Kellneruniform aus einem Schottenrock besteht, mit einem dazu passenden weißen Hemd.

 

Und schließlich: fast ein Geheimtipp für liebhaber lokaler Küche ist das "Kolkja Kala- ja Sibularestoran" (wörtlich: Das Kolkja Fisch- und Zwiebelrestaurant). Der Name ist Programm des seit über zehn Jahre betriebenen Restaurants. Das blaue Holzhaus steht etwas 50 Meter von dort entfernt, wo seine Hauptzutaten, Fisch und Zwiebeln, herkommen, nämlich vom See und den Gärten ringsherum. Die Einrichtung ist gemütlich, fast möchte man sie "urig" nennen, wenn man das Wort in Reiseführern nicht für zu häufig gebraucht erachten würde.

 

Die Speisekarte ist mit traditioneller Küche aus der Region gespickt. Das besondere ist: Es handelt sich dabei keineswegs um typisch Estnisches, sondern um etwas Typisches aus dieser Ecke des Peipus-Sees, wo viele russischstämmige Altgläubige leben, deren Lebensart sich stark vom Rest des Landes unterscheiden kann.

 

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