Estland

Hiiumaa – Beliebter Sommerwohnsitz zahlreicher Esten

Hiiumaa bildet mit rund 1.000 Quadratkilometern Gesamtfläche den kleinsten Landkreis in Estland. Er setzt sich zusammen aus der gleichnamigen Hauptinsel (989 Quadratkilometer) sowie den drei deutlich kleineren Nebeninseln Kassari, Hanikatsi und Saarnaki. Von den vergleichsweise stattlichen 11.000 Bewohnern des Kreises leben fast alle auf Hiiumaa selbst. Ein kleiner Rest entfällt auf Kassari, Hanikatsi und Saarnaki sind dagegen seit den 1970er Jahren gänzlich unbewohnt.

 

Kassari Sääretirp Hiiumaa
Wie ein Weg über das Meer: Kassari Sääretirp auf Hiiumaa.

Hiiumaa ist leicht per Fähre erreichbar. Abfahrtsort ist der etwa 10 km von Haapsalu entfernt liegende Hafen Rohuküla. Von Tallinn aus existiert außerdem - man höre und staune - eine Flugverbindung. Die sicherlich imposanteste Möglichkeit der Anreise.

 

Ruhe und Abgeschiedenheit prägen das Inselleben in außerordentlichem Maße. Land und Leute ruhen sprichwörtlich in sich selbst, was aus Besuchersicht nicht unwesentlich zum angenehmen Urlaubsklima auf der im Schwedischen Dagö genannten Hauptinsel beiträgt. Kurz: Wer Halli-Galli sucht, wird auf Hiiumaa definitiv nicht fündig. Hier zählen andere Dinge.

 

Kulinarisches im Strandpark: Restaurant/Café Rannapaargu.

So auch in Kärdla, der mit 4.000 Einwohnern bei weitem größten Ortschaft des Landkreises. Kärdla wurde wahrscheinlich schon im 14. Jahrhundert als ursprünglich schwedische Siedlung gegründet. Die älteste urkundliche Erwähnung datiert hingegen erst aus dem Jahre 1564.

 

Die Stadt ist seit jeher eine Art Nahtstelle zwischen landschaftlichem Grün und tiefem Ostsee-Blau. Fast alle Häuser - vorwiegend aus Holz erbaut - haben große Gärten mit hohen Bäumen und dichten Büschen. Alles sehr unaufdringlich, man schätzt bei aller Freundlichkeit eben auch die Privatsphäre. Ein Flüsschen namens Nuutri weist den Weg zu Meer und Hafen, wo im Sommer zahlreiche Ausflügler mit Booten und kleinen Yachten anlegen.

 

Der "Kukka Kivi" - ein Findling mit mystischer Bedeutung und riesigem Ausmaß: 16 m lang, 11 m breit und 4 m hoch.

In unmittelbarer Nähe befinden sich der Badestrand und ein hübscher Park samt Restaurant bzw. Café, welches neben der Kärdla-Kirche (erbaut 1863) und dem städtischen Feuerwehrhaus ein Markenzeichen der Insel ist. Das Haus namens Rannapaargu steht für gutes Essen und eine gelungene Architektur. Erbaut wurde es in den 1970er Jahren.

 

Doch auch abseits der Stadt entfaltet Hiiumaa einen ganz besonderen Charme. Verteilt über die Region finden sich mehrere Leuchttürme, Herrenhäuser (u.a. Gut Großenhof/Suuremõisa loss), abgelegene Sandstrände, einige Kult-Stätten und immer wieder riesige Findlinge, denen auch heute noch eine mystische Bedeutung beigemessen wird. Naturverbundenheit als Wurzel des eigenen Glaubens – ein in Estland weit verbreitetes Phänomen.

 

Halbinsel Tahkuna auf Hiiumaa.

Im Grunde ist es die Beschaulichkeit der stark bewaldeten Insel, derentwegen sich zuvorderst Tagestouristen auf den Weg nach Hiiumaa machen. Knapp 70 Minuten Fährfahrt, und es winkt ein Tag voller Abgeschiedenheit, Natur- und Kulturerleben.

 

Wobei: Eigentlich reicht ein Tag für die Region bei weitem nicht aus. Idealerweise sollten einem gleich mehrere Tage zur Verfügung stehen, um Hiiumaa und seine Nebeninseln von Grund auf kennen- und schätzen zu lernen.

 

Die Esten selbst machen es vor. Gerade Stadtbewohner finden scheinbar großen Gefallen an der Region, leisten sich - soweit finanziell möglich - ein Sommerhaus oder ein Boot, um die warmen Tage des Jahres auf Hiiumaa zu verbringen. Sicherlich der beste Beweis dafür, wie gut es sich vor der Westküste Estlands leben lässt.

 

Mutter Natur at it`s best: Sich selbst überlassene Wälder auf der Hauptinsel Hiiumaa.

Zu den vegetativen Besonderheiten Hiiumaas zählt, dass es sich um die waldreichste Region Estlands handelt. Beachtliche 60% der Gesamtfläche sind von Kiefern-, Laub- und Fichtenhölzern bedeckt, in Küstennähe im Regelfall auf bestens befestigten Wegen erwanderbar. Auch Wacholderhaine gehören zum alltäglichen Bild.

 

Im Zentrum der Insel dagegen ein anderes Bild: Es ist eher von morastigem Untergrund und Sümpfen geprägt. Hier fällt es je nach Witterung nicht leicht, den Tag trockenen Fußes zu überstehen. Zudem wird der Baumbewuchs fast undurchdringlich. Stellenweise nur für absolute Wanderfreaks geeignet.

 

Entsprechend einzigartig - weil in nahezu unberührter Natur lebend - präsentiert sich auch die Fauna. Hiiumaa bietet Tieren einen der besten kontinentalen Lebensräume, was sich neben der Existenz unzähliger Vogelarten, Luchse etc. in erster Linie am Comeback des Europäischen Nerzes ablesen lässt. Seit 2000 läuft von seiten des Tallinner Zoos ein Wiederansiedlungsprojekt der seit über hundert Jahren nahezu ausgestorben Marderart. Offenbar mit großem Erfolg.

 

Kõpu tuletorn - der Leuchtturm von Kõpu. Die "Dicke Dame" von Hiiumaa ist 36 m hoch und über 500 Jahre alt.

Das topographische Highlight Hiiumaas, der so genannte Turmberg (Tornimägi), befindet sich auf der westlichen Halbinsel Kõpu. Er hat mit seinen knapp 70 Metern Höhe zwar eigentlich eher Hügelcharakter, erfährt in Gestalt des 1531 auf ihm erbauten Leuchtturms (Kõpu tuletorn) jedoch eine nennenswerte Vergrößerung.

 

Gemessen an estnischen Verhältnissen geht das Ganze damit bereits als "Berg" durch. Bekanntermaßen ist die Baltische Republik eines der flachsten Länder Europas. Ihre höchste Erhebung, der im Süden gelegene Große Eierberg (Suur Munamägi), misst gerade einmal 318 m.

 

Hiiumaa ist aber auch eine Region kleiner Geschichten und Episoden, deren Grenzen zwischen Wahrheit und Dichtung als durchaus fließend zu bezeichnen sind. Bestes Beispiel hierfür ist der Riese Leiger, ein interessanter Protagonist der regionalen Mythologie. Laut Legende soll er sich um den Bau einer Brücke zwischen Hiiumaa und Saaremaa verdient gemacht haben.

 

Leiger-Denkmal auf der Insel Kassari im Landkreis Hiiumaa.

Zwar gibt es zwischen den beiden Inseln in der Realität keine Landverbindung, noch wurde eine solche jemals ernsthaft in Erwägung gezogen, und doch ist auf Hiiumaa jedem klar, welches "Bauwerk" gemeint ist: Der so genannte Sääretirp.

 

Zu sehen ist das Ganze auf einer Hiiumaa unmittelbar vorgelagerten Insel namens Kassari, in deren Süden sich eine schmale Landzunge exakt in Richtung Saaremaa erstreckt. Der Sääretirp reicht gut und gerne zwei Kilometer in die offene See hinein. Bei schönem Wetter an seinem Ende zu stehen, den Blick nach allen Seiten über die Ostsee gerichtet, ist absolut beeindruckend.

 

Zudem wird vermutet, dass besagter Leiger zusammen mit anderen riesenhaften Mythen bei der Namensfindung der Insel Pate stand. Hiid heißt in der Übersetzung "Riese", maa wird zu "Land". Ergo handelt es sich bei Hiiumaa um das "Land der Riesen" und damit um eine Bezeichnung, die angesichts des traditionell lebhaften Umgangs mit den Sagenfiguren der Region nicht passender sein könnte.

 

Leuchtturm Tahkuna
Leuchtturm auf der Halbinsel Tahkuna, Hiiuma.

Zwar besagt eine weitere Theorie, dass "Hiiumaa" ebensogut von hiis, d. h. "heiliger Hain", abgeleitet werden kann. Bedenkt man, dass sich verteilt über die Insel zahlreiche Kult-Stätten befinden, ist auch dies durchaus glaubhaft. Entscheidend ist jedoch, dass sich die tiefe mythologische Verwurzelung auch hierin widerspiegelt. An ihr führt auf Hiiumaa kein Weg vorbei.

 

Auf der Insel vermischen sich somit ganz unterschiedliche Elemente zu einem kulturell und geschichtlich interessanten, landschaftlich wunderschönen und eben auch ein wenig geheimnisvollen Urlaubsziel. Ambitionierte Wanderer werden sich hier genauso wohl fühlen wie Badehungrige oder Tierfreunde. Als Tagestour ist Hiiumaa schon heute sehr begehrt. Gut möglich, dass die Insel in Zukunft auch vermehrt für längere Reisen genutzt wird. Sehr zu empfehlen.

 

 

    - Weiter mit: Unterkünfte auf Hiiumaa

 

 

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